Das muss raus! Das geht besser!

Teil 2

Thema “Interessenvertretung und Lobbyarbeit”
mit Wibke Behrens (Bundesvorstand Kulturpolitische Gesellschaft, Institute for Cultural Governance)

Wibke Behrens

Über mich:

Ich bewege mich mit Vergnügen im Bereich Politik-Beratung, strategischem Wissenstransfer und der Professionalisierung in Initiativen, kollektiven Strukturen und ehrenamtlichen Vorständen (z.B. der KuPoGe). Zusätzlich verantworte ich im mitgliederstärksten Kunstverein Berlins die Programmplanung und bin Co-Geschäftsführerin und Gründungsmitglied des Instituts for Cultural Governance. Durch diverse internationale Lehraufträge im Kulturmanagement, vielfältige Stiftungsarbeit und Ehrenämter in der Kulturpolitik, ist mein Netzwerk Teil eines facettenreichen Erfahrungsspeichers, aus dem ich meine Energie schöpfe.

Das muss raus!

Menschen, die in der Kultur tätig sind, besonders darstellende Künstler:innen, begreifen sich oft als Einzelkämpfer. Ist das mit ein Grund, warum die Lobby für Kultur schwach zu sein scheint?

Es ist eine große Herausforderung, die Interessen zu bündeln und diesen dann mit einer Stimme Kraft zu verleihen und Gehör zu verschaffen. Wenn es dann noch um Freischaffende geht, dann ist es wichtig, eine Interessenvertretung zu haben, der sich Einzelne anschließen können.

Ist das „Sparten-Denken“ (Bildende Kunst, Darstellende Kunst, Tanz, Literatur etc.) eventuell hinderlich für gute Lobbyarbeit? Wenn ja: warum? Wenn nein: warum nicht?

Es ist sicherlich nicht einfacher – in gewisser Weise. Wir haben das 2012 mit der Gründung der Koalition der Freien Szene in Berlin geschafft. Seitdem werden die Interessen und Forderungen  der einzelnen Sparten da gebündelt, wo es gemeinsame Forderungen gibt. Diese werden dann zusätzlich zu eher spartenspezifischen Interessen von den Spartenvertretungen und Verbänden vertreten. Es ist aber wichtig, auch transdisziplinär und spartenübergreifend zu denken. Da hat sich in den letzten Jahren auch einiges in der Förderlogik bewegen können.

Das muss anders!

Teil meines Konzeptes für die GDBA ist ein bewusst auch öffentlicher Austausch mit Organisationen und Interessenverbänden, die Kultur bzw. kulturell tätige Menschen unterstützen und weiterbringen. Hier ist die Mitgestaltung von Förderprogrammen sowohl für institutionelle Förderung, als auch individuelle Förderung wichtig. Wie könnte aus Ihrer Sicht eine Zusammenarbeit zwischen allen beteiligten Akteur:innen und der Politik aussehen, um gute Förderbedingungen für die Zukunft zu schaffen?

Der Dialog und gerade der verbindliche Austausch zwischen Akteur:innen, Politik und Verwaltung ist wichtig. Das bedeutet, zu einem sehr frühen Zeitpunkt ein gemeinsames Ziel zu vereinbaren. Der gemeinsame Prozess kann dafür sorgen, dass alle Beteiligten über die Partikularinteressen hinaus, nachhaltige strukturelle Veränderungen erarbeiten. Und es geht dabei auch um die Aufgabe von nicht mehr zeitgemäßen Privilegien einzelner Institutionen und Häuser. 

Das geht besser!

Sie sind u.a. im Bundesvorstand der Kulturpolitischen Gesellschaft, leiten das Institute for Cultural Governance, haben einen Lehrauftrag in dem Bereich und sind kulturpolitisch aktiv. Welche Tendenzen, welche Möglichkeiten sehen Sie, die derzeit in der Lobbyarbeit noch nicht oder nicht intensiv genug umgesetzt werden? 

Kultur ist eine gesellschaftliche Querschnittsaufgabe. Ich sehe die Vertretung der Interessen von Kulturschaffenden in unterschiedlichen politischen Bereichen verortet, um einen größtmöglichen Veränderungsprozess für alle Künstler:innen etc. zu erzielen. Also vor allem auch in Arbeit + Soziales, Gesundheit, aber auch Wirtschaft. 

Was können Sie einzelnen Künstler:innen aber auch Initiativen oder Verbänden raten, wenn sie ihre kulturpolitische Aktivität verstärken wollen?

Eine Professionalisierung gerade im kulturpolitischen Feld in Zeiten der Digitalität sehe ich zukünftig als eine zentrale Aufgabe von Verbänden und Initiativen. Digitalität bedeutet auch einen systemischen Wandel und die Transformation des Kulturbegriffs. Ich persönlich begreife das als eine kulturpolitische Aufforderung für einen großen und beispielhaften Quantensprung. Durch die Pandemie manifestieren sich leider derzeit politische Maßnahmen der Unterstützung, die sehr konservative und rückwärtsgewandte Modelle von kultureller Praxis vor Augen haben. Da waren wir schon weiter. Das darf uns jetzt nicht zurückwerfen.
Ich schätze sehr, dass es bereits – und teilweise seit vielen Jahren und Jahrzehnten – auf sehr unterschiedlichen Ebenen so viel Aktivität und Aktivismus gibt. Die Bereitschaft, etwas zu tun, um Veränderungen in Bewegung zu bringen, nehme ich als sehr positiv war. Von sehr eindrücklichen künstlerischen Interventionen im öffentlichen Raum über Professionalisierungsprogramme bis hin zu Netzwerken und Interessensvertretungen ist kulturpolitisches Engagement möglich. Und nötig!

Vielen Dank, Wibke Behrens!